10.07.2013

Wie Roman seinen Roman veröffentlicht...

Sehr schön beschriebener Weg eines Neuautoren ^_^
Mit kleinen Seitenhieben, äußerst kurzweilig und doch sehr wahr!

Quelle:-->A. Kaminski, http://www.kingsroad-publishing.de/wie-roman-seinen-roman-veroffentlicht/

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Wie Roman seinen Roman veröffentlicht

Roman Bauer will es wissen. Er hält sein Romanmanuskript in Händen und ist zuversichtlich, sein 500 Seiten umfassendes Werk bald zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt zu sehen. Du kannst schreiben, die Verlage werden sich darum reißen, meint Romans Frau. Selbst sein Schwippschwager war ganz begeistert von dem Manuskript – und der liest sonst nie Bücher.
Beruflich hat Roman Bauer eigentlich nicht viel mit dem Schreiben zu tun, obwohl er schon weiß, wie das geht. Nach seinem Germanistikstudium hatte er noch ein paar Semester Marketing dran gehangen und war nach einem kurzen Abstecher in die Werbung zu einem mittelständischen Unternehmen der Elektrobranche gekommen. Dort hat es Roman bis zum Marketingleiter gebracht. Für das Texten der Werbeprospekte und für die Inhalte der Firmen-Homepage beauftragt er eine – wie er findet – drittklassige Werbeagentur. Den Kontakt hatte sein Chef damals hergestellt, dessen Neffe gehört die Agentur. Das Geld sollte wohl in der Familie bleiben. So kommt es ab und an vor, dass Roman der Agentur Texte liefert, die dann kurz umgeschrieben und abgedruckt oder ins Internet gestellt werden. Das sei bei erklärungsbedürftigen Produkten so üblich, meint der Agenturchef und ergänzt: „Gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht“. Roman lacht sich dann immer kaputt, wenn die Agentur alles andere als ein drittklassiges Honorar abrechnet. Aber es ist ja nicht sein Geld. Der Creative Director, der irgendwann die Agentur auf eigenen Wunsch hin verließ, hatte Roman zum Abschied gesagt, er solle es doch selbst mal mit dem Schreiben versuchen. Er sähe so etwas wie Talent bei ihm. Das hatte Roman natürlich geschmeichelt und trotz seines Germanistikstudiums nahm er den Rat des Creative Director an und besuchte eine Schreibwerkstatt. Und nun liegt ein 500 Seiten starkes Manuskript vor Roman, ein authentischer Tatsachenbericht über seinen Vater, der als Kriegskind ins Sudetenland zwangsevakuiert und nach Kriegsende von dort wieder vertrieben wurde. Roman meint, solch eine besondere Lebensgeschichte muss für spätere Generationen aufgezeichnet werden. Romans Frau unterstützt ihn bei seinem Vorhaben: „Du kannst schreiben, Schatz!“
Nepper, Schlepper, Autorenfänger
Roman weiß, dass er nun einen Verlag finden muss, der sein Buch herausbringt. Zwar liest er immer wieder etwas von Selfpublishing und E-Books, aber das Ganze ist ihm nicht geheuer. Für Roman ist es unbekanntes Neuland, er hat da eher konservative Ansichten. Auch was das Publizieren angeht. Ein E-Book in die Hand zu nehmen wäre für ihn undenkbar. Roman liebt das haptische Erlebnis am Buch, den Geruch und das Geräusch beim Umblättern der Seiten. Dabei ist er neuen Technologien gar nicht abgeneigt. Roman nutzt selbstverständlich das Internet, um einen Verlag für sein Buch zu finden, und fühlt sich von der Werbung, die hier und dort aufpoppt, auch gar nicht gestört. Ganz im Gegenteil sogar: dadurch, dass Roman auf vielen Special Interest Seiten seine Spuren als Vielleser und Hobbyautor hinterlässt, bekommt er nur noch Werbung angezeigt, die ihn auch wirklich interessiert. Der neue Roman von Dan Brown zum Beispiel – woher die wohl wissen, dass Roman die ersten Thriller des amerikanischen Bestsellerautors nur so verschlungen hat? Nun ja, bei seinen Rezensionen gibt er sich auch wirklich große Mühe. Und hier, die Werbung eines speziellen Schreibprogramms für Autoren. Höchst interessant. Ich werde mir mal die kostenlose Testversion herunterladen, denkt Roman. Wenn ich meinen zweiten Roman in Angriff nehme, brauche ich professionelles Handwerkszeug.
Bei der nächsten Werbeanzeige denkt Roman „Bingo!“. Er strahlt bis über beide Ohren und kann nicht verstehen, was seine Frau immer gegen die Internetwerbung hat. Die Suche nach einem Verlag scheint beendet. „Schahaatz!“, ruft Roman euphorisch, „Sieh mal was hier steht: Verlag sucht Autor“.
Ein Ochse auf Tour
Roman ist begeistert! Die Website des Verlags macht einen seriösen und professionellen Eindruck. Immerhin hat der Verlag seinen Geschäftssitz in Frankfurt am Main, und nicht irgendwo in der Pampa. Die Anzeige verspricht genau das, wonach Roman sucht: Sie suchen einen Verlag – wir suchen Jungautoren zur Erweiterung unseres Verlagsprogramms. Also bitte! Das hätte sich Roman weitaus schwieriger vorgestellt. Von wegen „Ochsentour“, über die in so manchem Autorenforum gesprochen wird, wenn es um die Verlagssuche geht. Das haben diese Hobbyautoren davon, wenn sie ständig ihre Cookies löschen. Roman ist sich sicher, dass das Internet nicht böse ist. Man muss es nur zu nutzen wissen. Hier steht glasklar: Bei uns bekommt jedes Buch seine Chance und: Ihren Traum, Schriftsteller zu werden, können wir erfüllen. Na prima, denkt Roman, und klickt auf den blinkenden Button mit der Aufschrift „Manuskript einsenden“. Danach stöbert Roman noch ein wenig über die Website des Verlags und findet den Menüpunkt „Unsere Leistungen im Überblick“. Absolut seriös, dass hier bis ins kleinste Detail beschrieben wird, wie sich die spätere Zusammenarbeit gestaltet. Roman fühlt sich sogar ein wenig gebauchpinselt, als die Rede von der „Erstellung eines individuellen Publikationsangebotes“ ist. Er könne sogar aus verschiedenen Veröffentlichungsmodellen auswählen. Sehr professionell, denkt Roman. Die wissen mit Schriftstellern umzugehen.
Es vergehen gerade mal zwei Wochen, bis sich der Verlag aus Frankfurt per Brief bei Roman meldet. Die Manuskriptprüfung sei überaus positiv verlaufen und man freue sich mitteilen zu können, dass auch die Lektoratskonferenz dem Buchprojekt zugestimmt habe. Doch Romans anfängliche Euphorie weicht schnell einer gewissen Ernüchterung, als er das beiliegende Publikationsangebot studiert. Da ist von nicht unerheblichen Produktionskosten die Rede, an denen sich der Autor mit einem kleinen Eigenanteil zu beteiligen habe. Die fünf- bzw. fünfzehntausend Euro für die unterschiedlichen Veröffentlichungsmodelle hätten sich bei der zu erwartenden Lesernachfrage aber rasch amortisiert.
Roman schluckt und beschließt, dieses Angebot nicht anzunehmen, insbesondere, nachdem er sich im Internet über sogenannte Druckkostenzuschussverlage informiert hat. Also bleibt auch ihm nur die viel beschworene „Ochsentour“: eine Liste von Verlagen abklappern in der Hoffnung, dass einer Gefallen an seinem Manuskript findet. Jedenfalls hat Roman jetzt kapiert, dass der Begriff „Verlag“ von „vorlegen“ kommt. Der Verlag legt das Geld für die Veröffentlichung und Vermarktung vor, wenn er von einem Manuskript überzeugt ist. Das wirtschaftliche Risiko trägt niemals der Autor. Und kein seriöser Verlag verlangt vom Autor Geld. Im Gegenteil: Der Geldfluss geht immer von Verlag zum Autor, in Form von Tantiemen oder Vorschüssen.
Doch auch Romans Ochsentour ist eher ernüchternd. Vor allem muss er einen langen Atem haben. Von vielen, sogenannten Publikumsverlagen bekommt er mehr oder weniger freundliche Absagen. Manche Verlage antworten auch gar nicht. Und die, die antworten, schreiben etwas von „ … passt leider nicht in unser Verlagsprogramm“ oder „ … sehen wir keinen genügend großen Markt“. Schließlich meldet sich einer der eher kleineren Verlage, die Roman in der zweiten Welle angeschrieben hat, nachdem er von den großen Verlagen nur Absagen bekommen hatte. Mittlerweile ist Roman nämlich einer Autorengruppe beigetreten. Von einem erfahrenen Autorenkollegen hatte er den Tipp bekommen, sich bei kleinen, unabhängigen Verlagen vorzustellen. Als Indie-Autor hätte er dort vielleicht bessere Chancen auf Veröffentlichung.
Unabhängige Kleinverlage arbeiten mit kleinem Apparat und niedriger Taktzahl, dafür mit umso größerem Engagement an der Veröffentlichung schöner Bücher, von denen sie überzeugt sind. Sie wollen neue, unverbrauchte Autoren entdecken und unabhängigen Köpfen Raum und eine Plattform bieten, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Viele – Verlage wie Autoren – bewegen sich weit ab vom Mainstream und Bestsellerlisten und bedienen Nischenmärkte. Der Vorteil für die Jungautoren: Wenn das Manuskript ankommt, wird es in der Regel auch veröffentlicht. Der Nachteil: Kleinverlage verfügen häufig nicht über die finanziellen Möglichkeiten, mit kostspieligen Werbeaktionen Autor und Buch einer breiten Leserschaft bekannt zu machen. Zudem bewegen sich Kleinverlage und Indie-Autoren häufig in einer lokal gewachsenen Subkultur. In dieser Ecke, die sicherlich ihre Berechtigung hat, sieht sich Roman allerdings nicht. Darüber hinaus bestätigen seine Kolleginnen und Kollegen aus der Autorengruppe die Meinung eines Experten für Buchmarketing, aber das ahnte Roman ohnehin längst: Die bittere Wahrheit über Buchmarketing ist unter anderem, dass Autoren für das Marketing selbst verantwortlich sind. Egal, ob sie Verlags- oder Indie-Autor sind oder ihre Bücher selbst veröffentlichen. Vor diesem Hintergrund überlegt Roman nun, sein Buch im Wege des Selfpublishing herauszubringen.
Dann eben ohne Verlag
Roman hat viel über Selfpublishing im Internet gelesen. Da ist häufig von einem Boom die Rede, insbesondere in Verbindung mit E-Books. Der E-Book Markt sei vor allem ein Hardwaremarkt, schreibt Steffen Meier in einem Interview mit goethe.de. Um ein E-Book zu lesen, brauche man einen Reader. Und je mehr Reader es gäbe, desto größer wäre die Nachfrage nach E-Books. Das leuchtet Roman ein. Er selbst hat sich übrigens einen Tablett-PC gekauft und ist total begeistert von der neuen Technik. Wenn Roman in Urlaub fährt, kann er jetzt viel mehr Bücher mitnehmen als früher.
In dem Gespräch zwischen Steffen Meier und dem Goethe Institut liest Roman weiter, dass gerade einmal knapp die Hälfte der Verlage E-Books im Angebot hätten. Und nur die Hälfte der Neuerscheinungen sei auch als E-Book erhältlich. Angesichts solcher Aussagen will Roman zwar nicht von Goldgräberstimmung unter Selbstverlegern sprechen, aber er sieht für sich persönlich doch deutliches Potenzial. Jedenfalls mehr, als es ihm ein Kleinverlag bieten könnte. Mut machen ihm auch die Zahlen, die er von dem Blog selfpublisherbibel.de hat. Dort schreibt Matthias Matting, dass 53 Titel der Amazon-Top-100-Liste von Selfpublisher stammten. In einem anderen Blog-Artikel liest Roman, dass Matting den Umsatz der Selfpublisher auf etwa sieben Millionen Euro schätzt. Für Roman ist das ein Zeichen dafür, dass selbstverlegte E-Books bei den Lesern grundsätzlich ankommen. Ihm ist aber auch bewusst, dass die wenigsten Selfpublisher vom Schreiben leben können. Nach einer von Mattias Matting und Hilke-Gesa Bußmann (Uni Frankfurt) im Mai 2013 durchgeführten Online-Umfrage, verdienen deutsche Selfpublisher im Durchschnitt 312 Euro pro Monat mit ihren E-Books. Nichtsdestotrotz sieht sich Roman zunächst als Selfpublisher, denn als Verlagsautor. Letzteres will er aber auch nicht ganz ausschleißen, weiß er doch, dass es Autoren wie Nele Neuhaus gibt, die ihre ersten Bücher erfolgreich selbst herausgebracht haben, bevor ein renommierter Verlag auf sie aufmerksam wurde.
Romans weitere Recherchen ergeben, dass er als Verlagsautor ca. 1 Euro pro verkauftem Buch als Autorenhonorar kassiert, während er als Selfpublisher bis zu 70% Tantiemen für E-Books erwarten darf. Dazu muss er in beiden Fällen das Buchmarketing selbst in die Hand nehmen. Am Ende fällt ihm die Entscheidung leicht.
Verschiedene Wege für Selfpublisher
Als Selfpublisher hat man inzwischen die Qual der Wahl, das hat Romans Internetrecherche zweifelsfrei ergeben. Nicht nur Amazon KDP buhlt um die Gunst der Selbstverleger, auch andere Plattformen wie Beam eBooks bieten die Möglichkeit, ohne Verlag das eigene Buch herauszubringen. Daneben gibt es Plattformen wie Bookrix, Neobooks oder Xinxii, die – natürlich gegen Gebühr – dem Autor die Handgriffe von Konvertierung bis Distribution komplett abnehmen. Eine Community, die die E-Books bewertet und damit ins Gespräch bringt, gibt es dort obendrein. Darüber hinaus erfährt Roman, dass er bei Dienstleistern wie BoD, CreateSpace oder Tredition auch gedruckte Bücher selbst verlegen kann. Aus seiner Autorengruppe weiß er allerdings, dass die im Print-on-Demand-Verfahren selbst herausgebrachten, gedruckten Bücher den Weg in den Buchhandel praktisch nicht schaffen. Die Vorurteile der Buchhändler bezüglich schlechter Qualität bei PoD-Titeln scheinen wie zementiert zu sein. Im Handel legt man nach wie vor großen Wert auf die Qualitätsaussage eines Verlagslabels, wenn es denn kein unabhängiger Kleinverlag ist. Deren Titel findet man nur selten im Bücherregal. Aber Roman hatte sich ja sowieso für das elektronische Buch entschieden und weiß, dass es auch dort auf Qualität ankommt.
Roman lässt sich daher beraten. Über eine Empfehlung ist er auf einen ausgewiesenen Ebook-Experten gestoßen. Thomas Hoffmann von der Firma publi4all bringt viel Erfahrung aus der klassischen Verlagswelt mit, um Selfpublisher bei der Erstelllung und Vermarktung ihrer E-Books zu unterstützen. Von Herrn Hoffmann erfährt Roman, dass er zwar keinen Verlag braucht, um sein Buch herauszubringen, wohl aber dessen Dienstleistungen. Solche Services kosten zwar Geld, die Investition in Qualität lohne sich aber. Denn Qualität ist die Basis für den Verkaufserfolg. Hoffmann erklärt: „Sich gut verkaufende E-Books stehen auf vier Säulen.“ Roman notiert:
1.qualitativ guter Inhalt
2.professionelles Cover inkl. packender Titel
3.aussagekräftiger Covertext
4.fairer Preis
Über die Internetplattform literaturcafe.de informiert sich Roman, was ein gutes Lektorat ausmacht und wie er den richtigen freiberuflichen Lektor findet. Er erkennt schnell, dass ein Germanistikstudium weder Korrektor noch Lektor ersetzen kann. Mit Hilfe des Lektors entwickelt Roman auch den packenden Titel für sein Buch und bekommt nützliche Hinweise, wie er seinen Klappentext so formuliert, dass dieser von Lesern auch beachtet wird. Hoffman, der E-Publisher, berät Roman zur Preisgestaltung und stellt den Kontakt zu einem Grafik-Designer her, der für kleines Geld ein professionelles Buch-Cover gestaltet. Hoffmann und der Neusser Buchmarketing-Experte zeigen schließlich Vermarktungswege für das E-Book auf. Roman entscheidet sich zunächst für das Amazon KDP. Für die Vermarktung seines Buches nimmt er sich richtigerweise genau so viel Zeit wie für das Schreiben selbst. Über facebook baut er seine Fanbase auf und bringt über Leserunden bei Lovelybooks sein Buch ins Gespräch. Der Zielgruppe seines Buchs entsprechend, wählt Roman die Locations für Lesungen aus.
Am Ende gelangt der Jungautor zu der Erkenntnis, dass es auch ohne Verlag geht, wenn sich der Selfpublisher als „Authorpreneur“ sieht und unternehmerisch denkt und handelt.
Und die Moral ist fast banal: sei schlauer und mach´s wie Roman Bauer!